Ein PortrÀt der westlichen Gesellschaft

 

Alexander Solschenizyn Harvard-Vorlesung am Donnerstag, 08. Juni 1978

Alexander Solschenizyn

Neigt sich die Freiheit zur Seite des Bösen?

 

Die Spaltung der Welt von heute – sie gibt sich selbst dem flĂŒchtigen Blick zu erkennen. Nimmt doch schon jeder unserer Zeitgenossen eine Trennung der Welt in jene zwei HĂ€lften vor, deren jede imstande ist, die andere zu vernichten. Aber die Vorstellung von dieser Spaltung erschöpft sich auch schon allzuoft in der politischen Deutung und damit in der Illusion, daß die Gefahr durch erfolgreiche diplomatische Verhandlungen oder durch Herstellung eines militĂ€rischen Gleichgewichts gebannt werden könne. In Wirklichkeit ist sowohl die Welt weit tiefer gespalten als auch die Entfremdung grĂ¶ĂŸer und der Bruch an mehr Stellen vollzogen, als auf den ersten Blick erkennbar ist – und dieser vielgestaltige, vielfache, tiefe Riß bedroht uns alle mit einem ebenso mannigfachen Untergang. Man denke an jene alte Wahrheit, daß ein Reich –also unsere Erde etwa–, einmal in sich selbst gespalten, nicht bestehen kann.

Es gibt den Begriff “dritte Welt”, und das bedeutet, daß bereits drei Welten existieren. Doch es gibt ihrer zweifellos noch mehr, ein Umstand, der sich von ferne betrachtet nicht erkennen lĂ€ĂŸt. Jede alte Kultur, die sich etabliert und –gemessen an der ErdoberflĂ€che– ĂŒber einen großen Bereich hin ausgebreitet hat, ergibt eine selbstĂ€ndige Welt fĂŒr sich, die voll ist der RĂ€tsel und Überraschungen fĂŒr die westliche Denkweise. So in geringerem Maße China, Indien, die mohammedanische Welt und Afrika, wenn man die beiden letzteren in einem Zusammenhang betrachten kann. So tausend Jahre Rußland – obwohl diesem die westliche Denkart in stĂ€ndiger FehleinschĂ€tzung SelbstĂ€ndigkeit abgesprochen und es deshalb nie verstanden hat, wie es Rußland auch heute in seiner kommunistischen Gefangenschaft nicht versteht. Und wĂ€hrend Japan in den letzten Jahren immer mehr der “Ferne Westen” geworden ist, sich immer enger an den Westen angeschmiegt hat (darĂŒber will ich jetzt nicht urteilen), so wĂŒrde ich dagegen Israel etwa nicht der westlichen Welt zuordnen, schon aufgrund jenes entscheidenden Umstandes, daß seine staatliche Struktur so grundsĂ€tzlich mit der Religion verflochten ist.

Wie relativ kurz ist es doch her, daß sich eine kleine, neu-europĂ€ische Welt ohne Schwierigkeiten Kolonien in der ganzen Welt angeeignet hat, nicht nur ohne die Möglichkeiten eines ernsthaften Widerstands einzukalkulieren, sondern auch ĂŒberlicherweise jegliche Werte der Lebensauffassung jener Welten verachtend. Der Erfolg schien durchschlagend, und er kannte keine geographischen Grenzen. Die westliche Gesellschaft entwickelte sich als ein einziger Triumph menschlicher SouverĂ€nitĂ€t und Macht. Und plötzlich trat im 20. Jahrhundert offen und klar zutage, daß sie auf einem brĂŒchigen und abschĂŒssigen Podest stand. Und jetzt sehen wir, wie kurz und wackelig diese Eroberungserfolge waren (wobei auch die Gebrechen jener westlichen Lebensauffassung offenkundig wurden, die zu diesen Eroberungen gefĂŒhrt hatte). Jetzt hat sich das VerhĂ€ltnis zur ehemaligen Kolonialwelt in sein Gegenteil verkehrt, und die westliche Welt geht nicht selten bis an die Grenze der ServilitĂ€t – es ist jedoch schwer vorauszusagen, wie hoch die Rechnung dieser ehemaligen KoloniallĂ€nder an den Westen sein wird und ob dieser imstande sein wird, sich loszukaufen, nachdem er nicht nur seine letzten Kolonien abgestoßen, sondern auch sein ganzes Vermögen geopfert hat.

Die Konvergenz-Theorie

Die immer noch anhaltende Verblendung eingebildeter Überlegenheit unterstĂŒtzt die Vorstellung, daß alle großen Gebiete unseres Planeten sich entwickeln mĂŒssen – sich auf unsere derzeit existierenden westlichen Systeme zuentwickeln, die theoretisch die höchsten sind, aber in Wirklichkeit nur als die anziehendsten erscheinen; daß alle diese Welten nur befristet in ihrer Entfaltung aufgehalten sind – etwa durch bösartige Machthaber oder schwere innere ZerrĂŒttung oder Barbarei und UnverstĂ€ndnis –, davor  zurĂŒckgehalten, daß sie dem Weg der westlichen pluralistischen Demokratie entgegenstreben und den westlichen Lebensstil ĂŒbernehmen. Und jedes Land ist danach zu beurteilen, wie weit es ihm schon gelungen ist, auf diesem Weg voranzuschreiten. Aber eine solche Vorstellung erwuchs nur aus der mangelnden Kenntnis des Westens vom Wesen der anderen Welten und daraus, daß diese fĂ€lschlicherweise mit westlichen Maßen gemessen werden. Die Karte der Entwicklung des Planeten hat mit dieser Denkart wenig Ähnlichkeit, straft sie LĂŒgen.

Die Sehnsucht der gespaltenen Welt nach Vereinigung rief auch die Theorie von der Konvergenz des fĂŒhrenden Westens und der Sowjetunion ins Leben – eine schmeichelnde, eine törichte Theorie, denn sie vergißt, daß sich diese Welten keineswegs aufeinander zuentwickeln und daß auch nicht die eine ohne Gewaltanwendung in die andere umwandelbar ist. Aber davon abgesehen, schließt die Konvergenz unvermeidlich auch die Übernahme der Gebrechen der anderen Seite mit ein, was sicher niemandem von Nutzen ist.

Wenn ich diese Rede heute in meinem Land halten wĂŒrde, so wĂŒrde ich mich innerhalb dieses allgemeinen Schemas der Weltspaltung auf die Übel des Ostens konzentrieren. Aber nachdem ich mich schon vier Jahre gezwungenermaßen im Westen befinde und das Auditorium vor mir ein westliches ist, denke ich, daß es sinnvoller ist, sich auf gewisse ZĂŒge des modernen Westens zu konzentrieren, wie ich sie sehe.

Dies ist vielleicht das Auffallendste, das einem außenstehenden Beobachter des gegenwĂ€rtigen Westens sichtbar wird: Die westliche Welt ist des gesellschaftlichen Mutes verlustig gegangen, der “Zivilcourage”, und zwar im großen wie im einzelnen, in jedem Land, in jeder Regierung, in jeder Partei und ohne Zweifel auch in der Organisation der Vereinten Nationen. Dieser Verlust der Courage wird besonders in der lenkenden und intellektuellen FĂŒhrungsschicht evident, und daher rĂŒhrt auch der Eindruck, daß die mutige Haltung die ganze Gesellschaft vollstĂ€ndig verlassen hat. Freilich, eine Anzahl individueller mutiger Menschen hat sich noch erhalten, aber sie sind es nicht, denen die Lenkung des gesellschaftlichen Lebens obliegt. Die politischen und intellektuellen FunktionĂ€re weisen solche Verfallserscheinungen auf, durch Willenlosigkeit und Haltlosigkeit in ihren Handlungen, Auftritten und noch mehr in ihren eifrigen theoretischen ErhĂ€rtungen dafĂŒr, daß solche Handlungsweisen, die der staatlichen Politik Feigheit und Liebedienerei zugrunde legen, pragmatisch und vernĂŒnftig sowie auf jedem intellektuellen und moralischen Niveau gerechtfertigt seien. Dieser Verlust der Tapferkeit, der mitunter zu völligem Ausbleiben jeglicher Spur von MĂ€nnlichkeit fĂŒhrt, leuchtet in besonders ironischer Weise anlĂ€ĂŸlich plötzlicher Genieblitze von Mut und Kompromißlosigkeit eben jener FunktionĂ€re auf, wenn sich diese gegen schwache Regierungen richtet oder gegen solche LĂ€nder, die von niemandem gestĂŒtzt werden, oder gegen allgemein verurteilte Bewegungen, die bekanntermaßen zur Selbstverteidigung außerstande sind. Aber die Zunge wird schwer und die HĂ€nde erlahmen angesichts mĂ€chtiger Regierungen, angesichts der Kraft der Bedrohenden, angesichts der Aggressoren selbst und angesichts der Internationalen des Terrors. Muß ich daran erinnern, daß von alters her das Schwinden der Tapferkeit als erstes Vorzeichen fĂŒr ein nahes Ende gilt?

Als die gegenwĂ€rtigen westlichen Staaten entstanden, wurde das Prinzip propagiert: die Regierung hat dem Menschen zu dienen, aber der Mensch lebt auf Erden, um Freiheit zu genießen und nach GlĂŒck zu streben (man denke nur an die amerikanische UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung). Und siehe da, der technische und soziale Fortschritt der letzten Jahrzehnte hat endlich die Möglichkeit dazu gegeben, alles zu erfĂŒllen, was man erwarten konnte, den Staat des allgemeinen Wohlstandes. Jeder BĂŒrger erhielt die gewĂŒnschte Freiheit und eine solche QualitĂ€t und QuantitĂ€t an GĂŒtern, daß theoretisch sein GlĂŒck gewĂ€hrleistet sein mußte – in diesen subalternen Begriffen, wie sie sich in ebenjenen Jahrzehnten gebildet haben. (Außer acht blieb dabei nur eine psychologische Feinheit: der stĂ€ndige Wunsch des Menschen, noch mehr und noch Besseres zu besitzen, und der angestrengte Kampf darum hat vielen Menschen des Westens den Stempel der Rastlosigkeit und des Zwangsverhaltens aufgeprĂ€gt, obwohl es ĂŒblich ist, diese Worte tunlichst zu vermeiden. Dieser hartnĂ€ckige angestrengte Wettkampf nimmt alle Gedanken des Menschen gefangen und lĂ€ĂŸt keineswegs Raum fĂŒr die freie geistige Entwicklung offen.) GewĂ€hrleistet ist die UnabhĂ€ngigkeit des Menschen von vielen Spielarten staatlicher UnterdrĂŒckung, gewĂ€hrleistet fĂŒr die Mehrheit ist Komfort, wie ihn sich VĂ€ter und GroßvĂ€ter nicht hĂ€tten trĂ€umen lassen; möglich geworden ist es auch, die Jugend in diesen Idealen zu erziehen, sie zu rufen und vorzubereiten auf das physische Gedeihen, GlĂŒck, auf die Beherrschung der Dinge –Geld, Freizeit, zu einer nahezu grenzenlosen Freiheit der GenĂŒsse–, und wer wĂŒrde nun, wozu auch, warum sollte er auch, sich von all diesem wieder losreißen und sein kostbares Leben aufs Spiel setzen fĂŒr die Verteidigung des allgemeinen Wohls und besonders fĂŒr jenen vagen Fall, daß die Sicherheit des eigenen Volkes in einem vorlĂ€ufig noch fernen Lande verteidigt werden muß?

Sogar die Biologie lehrt uns, daß die Gewöhnung an ein hohes Maß an Wohlergehen sich nicht zum Vorteil fĂŒr das Lebewesen auswirkt. Auch im Leben der westlichen Gesellschaft hat das Wohlergehen begonnen, seine verderbliche Maske zu lĂŒften.

In Übereinstimmung mit ihren Zielen hat die westliche Gesellschaft sich auch eine fĂŒr sie angenehmste Form der Existenz ausgewĂ€hlt, welche ich die juridische nennen wĂŒrde. Die Grenzen der Rechte und des Rechtsbesitzes des Menschen (die sehr weit gesteckt sind) werden durch das System der Gesetze definiert. Im Beherrschen dieser juridischen Gangarten vom Verharren ĂŒber die geraden bis zu den krummen Wegen haben die Menschen des Westens eine große Fertigkeit und HĂ€rte entwickelt. (Im ĂŒbrigen sind die Gesetze so kompliziert, daß ein einfacher Mensch hilflos ist, wenn er sich ihrer ohne Spezialisten bedienen soll.) Jeder Konflikt wird juridisch gelöst – das ist die höchste Form einer Lösung. Wenn der Mensch juridisch recht hat – nach Höherem braucht man nicht zu streben. Danach kann niemand ihn auf eine UnzulĂ€nglichkeit seines Rechtsstandes hinweisen und ihm SelbstbeschrĂ€nkung auferlegen, um Verzicht auf eigene Rechte, um irgendein Opfer bitten, um ein uneigennĂŒtziges Risiko – das wĂŒrde man als Irrsinn ansehen. Auf freiwillige SelbstbeschrĂ€nkung stĂ¶ĂŸt man so gut wie nie: alle streben nach Ausweitung ihres Rechts, bis die juridischen Rahmen gesprengt werden. (Juridisch einwandfrei verhalten sich die Ölkonzerne, wenn sie die Erfindung einer neuen Energiequelle aufkaufen, auf daß sie nie zur Auswertung gelange. Juridisch einwandfrei sind jene, welche die Lebensmittel vergiften, um sie haltbar zu machen: dem Publikum bleibt ja die Freiheit ĂŒberlassen, sie nicht zu kaufen.)

Als einer, der sein ganzes Leben unter dem Kommunismus verbracht hat, sage ich euch: Schrecklich ist jene Gesellschaft, in welcher ĂŒberhaupt keine unparteiischen, juridischen Waagen bestehen. Aber eine Gesellschaft in welcher keine anderen Waagen bestehen als die juridischen, ist auch wenig menschenwĂŒrdig. Eine Gesellschaft, welche sich auf die Grundlage des Gesetzes stellt und nicht auf eine höhere Ebene, schöpft die Weite der menschlichen Möglichkeiten wenig aus. Das Recht ist zu kalt und zu formal, um auf die Gesellschaft positiv einzuwirken. Wenn alles Leben von juridischen Beziehungen durchdrungen ist, entsteht eine AtmosphĂ€re moralischer Mittelbarkeit, welche die erhabensten HöhenflĂŒge des Menschen abstĂŒrzen lĂ€ĂŸt. Denn vor den PrĂŒfungen des drohenden Zeitalters nur mit juridischen StĂŒtzen zu bestehen wird ganz und gar unmöglich sein.

In unserer gegenwĂ€rtigen westlichen Gesellschaft hat sich ein Ungleichgewicht zwischen Freiheit zu Gutem und Freiheit zu Bösem offenbart. Und der Staatsmann, welcher fĂŒr sein Land ein großes schöpferisches Werk vollbringen will, ist gezwungen, mit behutsamen und geradezu Ă€ngstlichen Schritten vorzugehen; er ist stĂ€ndig von Tausenden voreiligen (und verantwortungslosen) Kritikern festgenagelt, dauernd weisen ihn Presse und Parlament zurecht. Er muß stĂ€ndig seine ĂŒber alles erhabene Untadeligkeit beweisen und imstande sein, jeden Schritt zu rechtfertigen. Im Grunde kann der Mann verdienstvoll, begabt, mit ungewöhnlichen MaßstĂ€ben ausgestattet sein, aber er kann sich gar nicht entfalten – denn schon von Anfang an werden ihm zehn Hindernisse in den Weg gelegt. So wird unter dem Deckmantel der demokratischen Kontrolle der MittelmĂ€ĂŸigkeit zum Triumph verholfen. Die Untergrabung der administrativen Macht ist ĂŒberall frei handzuhaben, und alle MĂ€chte des Westens sind stark davon in Mitleidenschaft gezogen. Die Verteidigung der Rechte der Persönlichkeit ist bis zu jenem Extrem gediehen, da die Gesellschaft bereits selbst schutzlos vor anderen Persönlichkeiten wird – und im Westen ist bereits der Zeitpunkt gekommen, da schon nicht mehr in gleichem Maße ihr Recht wie ihre Verpflichtungen zu stĂ€rken sind.

DemgegenĂŒber hat die destruktive Freiheit, die verantwortungslose Freiheit den allergrĂ¶ĂŸten Raum erhalten. Die Gesellschaft hat sich als schlecht gefeit gegen die Übel menschlichen Verfalls erwiesen, beispielsweise gegen den Mißbrauch der Freiheit zur moralischen Vergewaltigung der Jugend, etwa Filme mit Pornographie, Verbrechen und Teufelsspuk. Alle diese Dinge haben sich dieses Freiheitsraumes bemĂ€chtigt und werden theoretisch durch die Freiheit der Jugend wiederaufgehoben, sich ihnen zu entziehen. So erweist sich die rechtliche Grundlage des Lebens als ungeeignet, sein Gedeihen vor dem Aussatz des Bösen zu schĂŒtzen.

Was soll man dann aber ĂŒber die finsteren Bereiche der unmittelbaren KriminalitĂ€t sagen? Die Weite der juridischen Rahmen (besonders der amerikanischen) trĂ€gt nicht nur zur StĂ€rkung der Freiheit der Persönlichkeit bei, sondern ermuntert sogar gewissermaßen zu Verletzungen dieser Freiheit, gibt dem GesetzesĂŒbertreter die Möglichkeit, ungestraft zu bleiben oder in den Genuß unverdienter Nachsicht zu kommen – dank der UnterstĂŒtzung Tausender Verteidiger aus der Öffentlichkeit. Wenn aber irgendwo Regierungen darangehen, den Terrorismus rigoros von der Wurzel her auszurotten, so werden sie sofort von der Öffentlichkeit beschuldigt, die bĂŒrgerlichen Rechte der Banditen verletzt zu haben. Es mangelt nicht an Beispielen dazu.

All dieses HinĂŒberneigen der Freiheit auf die Seite des Bösen hat sich allmĂ€hlich vollzogen, aber die primĂ€re Grundlage dazu resultiert zweifellos aus dem anthropophilen Menschheitbild des Humanismus, daß nĂ€mlich der Mensch, Herr dieser Welt, in seinem Inneren nicht Böses birgt und daß alle Gebrechen des Lebens ausschließlich von inadĂ€quaten sozialen Systemen herrĂŒhren, welche auch korrigiert werden mĂŒssen. Doch merkwĂŒrdig, gerade im Westen, wo die allerbesten sozialen Bedingungen erreicht sind, ist die KriminalitĂ€t zweifellos gewaltig hoch und bedeutend grĂ¶ĂŸer als in der armen und gesetzlosen sowjetischen Gesellschaft. (Als Verbrecher sitzen in unseren Lagern unzĂ€hlige Menschen, doch die weitaus ĂŒberzĂ€hlige Mehrheit sind nicht Kriminelle, sondern solche, die sich gegen den gesetzlosen Staat mit nichtjuridischen Mitteln zu verteidigen versucht hatten.)

Tendenzen der Presse

Des allerbreitesten Freiheitsraumes erfreut sich in der Tat auch die Presse (ich verwende im folgenden dieses Wort fĂŒr alle Massenmedien). Aber wie bedient sie sich seiner?

Wiederum geschieht alles so, daß die gesetzlichen Rahmen gerade nicht ĂŒberschritten werden, jedoch ohne jede echte moralische Verantwortung fĂŒr die Entstellung von Tatsachen und fĂŒr das VerrĂŒcken von Proportionen. Welche Verantwortung vor dem Lesepublikum und vor der Geschichte existiert denn ĂŒberhaupt bei einem Journalisten und einer Zeitung? Wenn diese auch durch eine unwahre Information oder falsche Schlußfolgerungen die öffentliche Meinung auf einen falschen Weg gefĂŒhrt, wenn sie womöglich zu Fehlentscheidungen von Regierungen beigetragen haben – kennen Sie etwa einen Fall, daß Journalisten oder Zeitungen nachtrĂ€glich öffentlich ihr Bedauern bekundet haben? Nein, das wĂŒrde ja dem Absatz schaden. In einem solchen Fall kann nur der Staat das Nachsehen haben, aber der Journalist kommt mit heiler Haut davon. Eher noch wird er jetzt mit neuer Selbstsicherheit das Gegenteil vom Vorhergehenden behaupten.

Die Notwendigkeit, ad hoc eine mit Überzeugungskraft ausgestattete Information zu geben, zwingt dazu, Leerstellen mit Mutmaßungen auszufĂŒllen, GerĂŒchte und Vermutungen anzuhĂ€ufen, die dann nie mehr widerlegt werden, sich aber im Gehirn der Massen festsetzen. Wie viele voreilige, gedankenlose, unausgereifte und irrige Meinungen werden tagtĂ€glich zum besten gegeben, quĂ€len die Hirne der Leser – und erstarren dort! Die Presse hat es in der Hand, sowohl die öffentliche Meinung vorzugeben, als auch – sie zu manipulieren. Einmal wird den Terroristen ein herostratischer Ruhmeskranz geflochten, dann wiederum werden selbst bestgehĂŒtete Geheimnisse des eigenen Landes gelĂŒftet, dann wieder mischt man sich schamlos in das Privatleben prominenter Persönlichkeiten ein unter der Parole: “Alle haben das Recht, alles zu wissen” (die verlogene Parole eines verlogenen Jahrhunderts: weit höher zu bewerten ist das in Verlust gegangene Recht des Menschen, nicht zu wissen, nicht auf seine von Gott gegebene Seele mit Geklatsch, GeschwĂ€tz und hohlem Unsinn eintrommeln lassen zu mĂŒssen. Menschen, deren Dasein ausgefĂŒllt ist mit echtem Werk und Inhalt, bedĂŒrfen nicht dieses Überflusses an Informationsballast.

OberflÀchligkeit und Voreiligkeit sind psychische Krankheiten des 20. Jahrhunderts, die in erster Linie auch in der Presse zum Ausdruck kommen. Es steht mit dieser in Widerspruch, in die Tiefe eines Problems einzudringen, es liegt nicht in ihrer Natur, es interessiert sie lediglich die sensationelle Formulierung.

Und trotz all dieser Eigenschaften wurde die Presse zur stĂ€rksten Kraft in den westlichen Staaten, stĂ€rker noch als die Kraft der exekutiven Macht, der legislativen und der Justiz. Und es erhebt sich die Frage: nach welchem Wahlgesetz ist sie aufgestellt – und wem hat sie Rechenschaft abzulegen? Wenn im kommunistischen Osten der Journalist unumwunden zum Diener des Staates bestimmt ist, so fragt sich, wer die westlichen Journalisten in ihre Machtposition gewĂ€hlt hat? FĂŒr welche Amtsperiode und mit welchen Befugnissen?

Und noch etwas muss einen Menschen ĂŒberraschen, der aus dem Osten kommt, aus den Staaten der streng gleichgeschalteten Presse: Bei der westlichen Presse tritt eine allgemeine Richtung der Sympathien zutage (der Wind des Jahrhunderts), allseits anerkannte ZulĂ€ssigkeiten der Meinungsgrenzen, aber vielleicht auch Interessen von VerbĂ€nden, und all das nicht im Sinne eines Wetteiferns verschiedener Stimmen, sondern wiederum einer Gleichschaltung. UneingeschrĂ€nkt ist die Freiheit nur fĂŒr die Presse selbst, nicht aber fĂŒr deren Leser: wirklich ausreichend profiliert und deutlich geben Presseorgane nur jene Meinungen wieder, welche in nicht zu krassem Widerspruch zu ihren eigenen stehen und auch nicht zu jenen der allgemein herrschenden Pressetendenz.

Ohne jede Zensur im Westen wird eine peinliche Auslese zwischen modernen Gedanken und unmodernen Gedanken vorgenommen, und letztere finden auch ohne von jemandem verboten zu sein – einfach aufgrund jenes kleinkarierten Auswahlsystems – keinen realen Weg in die periodische Presse, nicht in BĂŒcher, noch die Möglichkeit, von einer Lehrkanzel aus weitergegeben zu werden. Der Geist eurer Wissenschaftler ist rechtlich frei – in der Praxis jedoch den Idolen der gegenwĂ€rtigen Mode angepaßt. Nicht durch eine unmittelbare AusĂŒbung von Druck, wie im Osten, sondern durch dieses Auswahlprinzip der Mode, durch die Anforderung, dem Massenstandard GenĂŒge zu leisten, werden selbst die am selbstĂ€ndigsten denkenden Persönlichkeiten vom Beitrag zum gesellschaftlichen Leben ferngehalten, und es tritt das gefĂ€hrliche PhĂ€nomen des Herdentriebes zutage, das eine wirksame Entwicklung abschnĂŒrt. In Amerika habe ich Briefe von außergewöhnlich klugen Menschen zur Kenntnis nehmen mĂŒssen, etwa den eines Professors aus einem abgelegenen Provinzcollege, der viel zur Erneuerung und Rettung seines Landes beitragen könnte – aber das Land kann ihn nicht hören: Die Medien haben ihn nicht erfaßt. So entstehen starke Vorurteile bei den Massen, Blindheit, die in unserem dynamischen Jahrhundert gefĂ€hrlich ist. Beispielsweise die illusionĂ€re Vorstellung von der gegenwĂ€rtigen Lage der Welt – sie gleicht einem zu Stein gewordenen Harnisch um die Köpfe der Menschen, in den keine menschliche Stimme der 17 LĂ€nder Osteuropas und Ostasiens eindringen kann, so daß es erst der nicht aufzuhaltende Sturm der Ereignisse sein wird, der ihn durchbricht.

Ich habe einige ZĂŒge des westlichen Lebens aufgezĂ€hlt, die einen Menschen erschĂŒttern, der in dieser Welt Neuankömmling ist. Umfang und Zweck dieser Rede erlauben es nicht, die Rundschau fortzusetzen: etwa wie sich diese Besonderheiten der westlichen Gesellschaft auch in so wichtigen Bereichen der nationalen Existenz widerspiegeln wie etwa in der Grundschulbildung, der höheren humanistischen Bildung und der Kunst.

Fast alle erkennen an, daß der Westen der ganzen Welt einen vorteilhaften Weg der wirtschaftlichen Entwicklung aufgezeigt hat, der allerdings in letzter Zeit von einer chaotischen Inflation zerrĂŒttet scheint. Aber auch viele, die im Westen leben, sind mit ihrer Gesellschaft unzufrieden, empfinden fĂŒr sie GeringschĂ€tzung oder werfen ihr vor, daß sie nicht mehr dem Niveau entspricht, zu dem die Menschheit herangereift ist. Und das zwingt viele, sich auf die Seite eines verlogenen und gefĂ€hrlichen Sozialismus zu neigen.

Ich hoffe, niemand der Anwesenden wird mich verdĂ€chtigen, daß ich meine Kritik an manchen Aspekten des westlichen Systems vorgebracht habe, um an dessen Stelle die Ziele des Sozialismus zu propagieren. Nein, nach der Erfahrung meines Landes mit dem verwirklichten Sozialismus werde ich in keinem Fall wieder eine sozialistische Möglichkeit vorschlagen. Daß jedoch Sozialismus ĂŒberhaupt und in allen Schattierungenzur allgemeinen Vernichtung des geistigen Kerns des einzelnen fĂŒhrt und zur tödlichen Nivellierung der Menschheit, das hat in einer tiefschĂŒrfenden historischen Analyse der Mathematiker Professor Schafarewitsch in seinem glĂ€nzend argumentierten Buch “Der Sozialismus” aufgezeigt; es ist bald zwei Jahre her, daß es in Frankreich erschienen ist, aber noch hat sich niemand gefunden, der auf seine Thesen erwidert hĂ€tte. In naher Zukunft wird es auch in Amerika erscheinen.

Kein Vorbild fĂŒr uns

Wenn man mich dagegen fragt, ob ich meiner Heimat den heutigen Westen als Vorbild anbieten will, so wie er ist, so werde ich offen antworten mĂŒssen: Nein, eure Gesellschaft könnte ich keineswegs als Leitbild fĂŒr die Neugestaltung unseres Landes empfehlen. Nach jener reichen seelischen Entwicklung, welche unser Land durch das Leid in diesem Jahrhundert durchgestanden hat, erscheint das westliche System in seiner gegenwĂ€rtigen spirituellen Erschöpfung keineswegs begehrenswert. Schon die aufgezĂ€hlten Besonderheiten eures Lebens versetzen unsereins in tiefste BetrĂŒbnis.

Eine unbestreitbare Tatsache: SchwĂ€chung des menschlichen Charakters im Westen – seine Festigung im Osten. In sechs Jahrzehnten hat unser Volk, in drei Jahrzehnten haben die Völker Osteuropas eine seelische Schulung durchgemacht, welche die westliche Erfahrung weit hinter sich gelassen hat. Das schwer und unertrĂ€glich lastende Leben hat die Charaktere noch stĂ€rker herausgeformt, ernster und interessanter gemacht, als es das wohlfeile, geregelte Leben des Westens vermochte. Aus diesem Grunde wĂŒrde fĂŒr unsere Gesellschaft eine Bekehrung zu der euren zwar in mancher Hinsicht einen Aufstieg bedeuten, aber in anderer Hinsicht auch einen Abstieg – und zwar einen kostspieligen. Ja, es ist unmöglich fĂŒr eine Gesellschaft, auf die Dauer in einem solchen Abgrund der Gesetzlosigkeit zu verharren, wie es bei uns der Fall ist, aber auch tödlich fĂŒr sie, auf einer solch seelenlosen juridischen glatten OberflĂ€che, wie es bei euch der Fall ist. Die Seele des Menschen, der jahrzehntelang Gewalt angetan worden ist, strebt, abgehĂ€rmt, wie sie ist, nach etwas Höherem, WĂ€rmerem, Reinerem, als uns die gegenwĂ€rtige westliche Massenexistenz anzubieten imstande ist, wie wir sie ihrer Visitenkarte nach erwarten können: nach der abstoßenden MassivitĂ€t der Reklame, der Verdummung des Fernsehens und ihrer unertrĂ€glichen Musik. Und das alles gibt sich den Augen vieler Beobachter zu erkennen, aus welchen Welten unseres Planeten sie auch kommen. Die westliche Existenzform hat zunehmend weniger Chancen, Leitbild zu werden.

Immer wieder gibt es symptomatische Alarmzeichen, welche die Geschichte den bedrohten oder im Untergang befindlichen Gesellschaften sendet: beispielsweise der Verfall der KĂŒnste, oder das völlige Fehlen großer StaatsmĂ€nner. Bisweilen sind die Warnungen auch unmittelbar wahrzunehmen, auf ganz direkte Weise: das Zentrum eurer Demokratie und Kultur braucht nur ein paar Stunden ohne elektrischen Strom zu sein –das genĂŒgt–, und schon stĂŒrzen sich ganze Massen amerikanischer BĂŒrger in Gewalttaten und PlĂŒnderungen. So dĂŒnn ist die TĂŒnche! So zerbrechlich ist die gesellschaftliche Struktur, so kraß das Fehlen ihrer inneren Gesundheit.

Nicht irgendwann in der Zukunft wird er einsetzen, sondern er ist bereitsjetzt im Gange, der – ja, es ist ein physischer, geistiger, kosmischer – Kampf um unseren Planeten. In die entscheidende Phase des Angriffs ist das weltumfassende Böse eingetreten, und es lastet bereits auf uns. Aber eure ProjektionswĂ€nde und Druckseiten sind immer noch voll von PflichtlĂ€cheln und erhobenen Bechern. Was soll der Spaß?

Eure wirklich bedeutenden StaatsmĂ€nner, wie George Kennan etwa, sagen: Wenn man sich in die große Politik begibt, kann man es sich nicht mehr leisten, sich moralischer Wegweiser zu bedienen. So wird also durch die Vermischung des Guten mit dem Bösen, der Wahrheit mit der Unwahrheit aufs beste der Boden fĂŒr den absoluten Triumph des absoluten Bösen in der Welt bereitet. Die juridische Denkweise erstarrt von einem bestimmten Punkt der Probleme an zu Stein: sie lĂ€ĂŸt nicht mehr Maß noch Sinn der Ereignisse erkennen.

Trotz der zahllosen Informationen –oder gerade ihretwegen– findet sich die westliche Welt wirklich schlecht in den VorgĂ€ngen der RealitĂ€t zurecht. So sehe ich die erheiternden Voraussagen gewisser amerikanischer Experten, etwa daß die Sowjetunion in Angola ihr Vietnam finden wird oder daß den unverschĂ€mten Afrika-Expeditionen Kubas am allerbesten Einhalt geboten wird, wenn die Vereinigten Staaten sich um dessen Gunst bemĂŒhten. So auch die RatschlĂ€ge Kennans an sein Land, zu einer einseitigen AbrĂŒstung zu schreiten. Oh, wenn ihr nur wĂŒĂŸtet, wie schallend die allerjĂŒngsten Referenten des Zentralkomitees der sowjetischen Kommunistischen Partei ĂŒber eure politischen Weisen lachen! Aber schon Fidel Castro hĂ€lt die Vereinigten Staaten unverhohlen fĂŒr eine QuantitĂ© nĂ©gligeable, wenn er, der sich hier in der Nachbarschaft befindet, es wagt, seine Truppen in ferne Abenteuer zu schicken.

Aber der allergrausamste Irrtum ist mit der FehleinschĂ€tzung des Vietnam-Krieges unterlaufen. Die einen waren ehrlich darum bemĂŒht, daß jegliche Kriegshandlung so bald wie möglich abgebrochen werde; die anderen meinten, daß man der nationalen oder kommunistischen Selbstbestimmung Vietnams (oder des heutigen Kambodscha, wie heute so besonders anschaulich sichtbar wird) freien Lauf lassen mĂŒsse. Aber in Wirklichkeit haben sich die Teilnehmer der amerikanischen Antikriegsbewegung als MittĂ€ter des Verrates an fernöstlichen Völkern mitschuldig gemacht, jenes Genozids und jener Leiden, die heute dort 30 Millionen Menschen erschĂŒttern. Aber deren Stöhnen – wird es jetzt von diesen prinzipiellen Pazifisten gehört? Ist ihnen heute die Verantwortung bewußt? Oder ziehen sie es vor, Augen und Ohren zu verschließen? Die amerikanische gebildete Gesellschaft hat die Nerven verloren – und die Folge war, daß den Amerikanern die Gefahr immer stĂ€rker auf den eigenen Leib gerĂŒckt ist. Aber das wird hier nicht eingestanden. Euer kurzsichtiger Politiker, der die voreilige Vietnam-Kapitulation unterschrieben hat, ließ Amerika sich entspannen, wie zu einer sorglosen Erholungspause, aber nun seht, schon wĂ€chst euch ein verhundertfachtes Vietnam ĂŒber den Kopf. Das kleine Vietnam wurde euch als Warnsignal gesandt und als Anlaß, euren Mut zu mobilisieren.

Aber wenn Amerika mit seinem vollen Gewicht eine absolute Niederlage sogar von seiten eines kleinen kommunistischen Halb-Landes hinnehmen mußte – auf welches Widerstandspotential wird denn dann kĂŒnftig der Westen noch zĂ€hlen können?

Wie ich schon auszufĂŒhren Gelegenheit hatte, hat die westliche Demokratie von sich aus im 20. Jahrhundert nicht einen einzigen großen Krieg gewonnen: jedesmal hat sie einen starken kontinentalen VerbĂŒndeten schĂŒtzend vorgeschoben, ohne sich um dessen Weltanschauung zu kĂŒmmern. So im Zweiten Weltkrieg gegen Hitler, anstatt den Krieg mit eigenen KrĂ€ften zu gewinnen, die natĂŒrlich ausreichend vorhanden waren, hatten sie sich einen Feind herangezogen, einen schlimmeren und stĂ€rkeren Feind – denn Hitler standen niemals so viele Reserven noch so viele Menschen oder gar durchschlagende Ideen und AnhĂ€nger in der westlichen Welt zur VerfĂŒgung – eine 5. Kolonne, wie die Sowjetunion. Aber gegenwĂ€rtig werden im Westen schon Stimmen laut: wie man sich in einem Weltkonflikt gegen die MĂ€chte schĂŒtzen könnte mit Hilfe einer fremden Macht, sagen wir es rundheraus, mit China. Aber ich wĂŒnsche niemandem in der Welt einen solchen Ausweg: ohne sagen zu wollen, daß dies wieder ein Schicksalsbund mit dem Bösen wĂ€re, brĂ€chte ein solcher Amerika doch nur einen gewissen Aufschub ein, aber dann, wenn das Milliardenvolk der Chinesen sich, mit amerikanischen Waffen in der Hand, plötzlich gegen Amerika selbst umdrehen wĂŒrde, wĂ€re Amerika selbst einem Völkermord ausgeliefert, wie er sich gegenwĂ€rtig in Kambodscha abspielt.

Aber auch die allerstĂ€rkste Bewaffnung wird dem Westen nichts nĂŒtzen, solange er nicht selbst das Schwinden seines Willens ĂŒberwindet. Bei einem solchen Maß an seelischer Erschlaffung wird diese Bewaffnung zur ÜberbĂŒrdung dessen, der sich selbst aufgibt. FĂŒr die Verteidigung ist auch die Bereitschaft, in den Tod zu gehen, notwendig, aber an dieser mangelt es in der Gesellschaft, die im Kulte des Wohlergehens auf Erden erzogen ist. Und dann bleibt nur RĂŒckzug, Aufschub, Verrat. Im schmachvollen Belgrad haben freies westliche Diplomaten in ihrer SchwĂ€che jene Grenzlinie abgetreten, an welcher die unterdrĂŒckten Mitglieder der Menschenrechtsbewegung von Helsinki ihr Leben hingeben.

Die westliche Denkweise ist konservativ geworden: wenn nur die Lage der Welt erhalten bleibt, wie sie ist, wenn sich nur nichts Ă€ndert. Der lĂ€hmende Traum vom Status quo ist symptomatisch fĂŒr eine Gesellschaft, die mit ihrer Entwicklung am Ende ist. Man muß blind sein, um nicht zu sehen, wie die Ozeane der Erde der Kontrolle des Westens entschwunden sind und daß sich gleich danach das Schwinden auch der kontinentalen EinflußsphĂ€ren nicht mehr aufhalten lĂ€ĂŸt. Zwei sogenannte Weltkriege, die in Wirklichkeit noch gar keine Weltkriege waren, haben darin bestanden, daß ein kleiner progressiver Westen sich in seinem Innern selbst vernichtet und damit gleichzeitig das eigene Ende vorbereitet hat. Ein nĂ€chster Krieg – nicht unbedingt ein atomarer, an den ich nicht glaube, kann die westliche Zivilisation endgĂŒltig begraben.

Und vor dem Antlitz dieser Gefahr kann es möglich sein, mit einer solchen AnhĂ€ufung von Werten im RĂŒcken, mit einem so hohen Maß an erreichten Freiheiten und dieser förmlichen Hingabe an sie, den Willen zur Selbstverteidigung so weit zu verlieren?

Wie ist es denn ĂŒberhaupt zu diesem MißverhĂ€ltnis gekommen? Wie ist es dazu gekommen, daß die Welt des Westens von ihrem Triumphmarsch in einen Zustand der Kraftlosigkeit verfallen ist? Haben sich im Laufe ihrer Entwicklung schĂ€dliche Wendungen, Störungen dieses eingeschlagenen Kurses ergeben? Ja und nein. Der Westen hat nichts anderes getan als voranzuschreiten und immer weiter voranzuschreiten, in einer angekĂŒndigten sozialen Richtung, Hand in Hand mit dem weithin leuchtenden Fortschritt. Und plötzlich treffen wir ihn in diesem gegenwĂ€rtigen Zustand der SchwĂ€che an.

Und da bleibt nichts anderes ĂŒbrig, als den Fehler an seiner Wurzel selbst zu suchen, an der Basis des Denkens der Neuzeit. Ich meine jene im Westen herrschende Weltanschauung, die in der Renaissance geboren und in der AufklĂ€rung in politische Formen gegossen wurde, sich alle Wissenschaften von Staat und Gesellschaft zugrundegelegt hat und die man vielleicht “rationalistischen Humanismus” oder besser “humanistische Autonomie” nennen könnte, als Autonomie des Menschen ĂŒber jede höhere Instanz propagiert und durchgesetzt. Oder anders, als Anthropozentrismus – die Vorstellung vom Menschen als Mittelpunkt alles Seienden.

Freiheit ist nicht schrankenlos

Die mit der Renaissance eingeleitete Wendung war an sich natĂŒrlich unvermeidlich, historisch gesehen: das Mittelalter hatte alle seine Möglichkeiten erschöpft, es wurde in seiner despotischen UnterdrĂŒckung der physischen Natur des Menschen zugunsten seiner spirituellen unertrĂ€glich. Aber wir sind dem Geiste abtrĂŒnnig geworden und haben uns der Materie zugewandt – unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig, maßlos. Das humanistische Bewußtsein, das zu unserem erklĂ€rten Leitbild wurde, hat die Existenz des Bösen im Menschen nicht eingestanden und ihm, dem Menschen, kein höheres Ziel zuerkannt als das Streben nach dem irdischen GlĂŒck – und so der modernen westlichen Zivilisation die gefĂ€hrliche Neigung in die Wiege gelegt, sich vor dem Menschen und seinen materiellen BedĂŒrfnissen ehrfĂŒrchtig zu verbeugen. Über das physische Wohlbefinden und die AnhĂ€ufung materieller Werte hinaus sind alle anderen Eigenschaften, alle anderen BedĂŒrfnisse des Menschen, nĂ€mlich die subtileren und höheren, der Aufmerksamkeit der Staatsapparate und der sozialen Systeme entgangen, als wohnte dem Menschen nicht ein tieferer Lebenssinn inne. So waren dem Bösen TĂŒr und Tor geöffnet, so daß dieses heute ungehindert durch diese Öffnung zieht. Von sich aus allein löst die nackte Freiheit in keiner Weise die Probleme der menschlichen Existenz, sondern wirft eine Menge neuer auf.

Aber immerhin wurden in den frĂŒhen Demokratien – so auch in der amerkanischen bei ihrer Geburt – alle Rechte dem Menschen nur als einem Geschöpf Gottes zuerkannt, das heißt, diese Freiheit wurde dem Menschen nur bedingt verliehen unter der Voraussetzung einer stĂ€ndigen religiösen Rechenschaft – das war das Erbe des vorangegangenen Jahrhunderts. Erst 200 Jahre zuvor, ja sogar noch vor 50 Jahren, war es unvorstellbar, daß der Mensch hemmungslose Freiheit erhielte – einfach so, zum Frönen seiner Leidenschaften. Aber seit dieser Zeit ist dieser Grenzstein in allen westlichen LĂ€ndern verwittert, hat sich eine endgĂŒltige Loslösung vom moralischen Erbe der christlichen Jahrhunderte vollzogen – mit ihren großen SchĂ€tzen, sei es an GĂŒte, sei es an Opferbereitschaft, und die staatlichen Systeme nahmen immer mehr das Aussehen des vollendeten Materialismus an. Der Westen hat schließlich die Rechte des Menschen verteidigt, und das sogar im Überfluß, aber das Bewußtsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und der Gesellschaft ist vollkommen verwelkt. In den allerletzten Jahrzehnten ist dieser rechtliche Egoismus des westlichen Weltbildes vollkommen erreicht worden, und die Welt hat sich in einer grausamen geistigen Krise und politischen Sackgasse gefunden. Und alle technischen Errungenschaften des hochgepriesenen Fortschrittes haben – einschließlich der Eroberung des Kosmos – jene moralische Verarmung nicht wettmachen können, in welche das 20. Jahrhundert geraten war und die man nicht hatte voraussehen können, nicht einmal aus der Sicht des 19. Jahrhunderts.

Je mehr sich der Humanismus in seiner Entwicklung materialisiert hat, desto mehr gab er Grundlage, mit ihm Spekulationen anzustellen – erst dem Sozialismus und dann auch dem Kommunismus. So daß Karl Marx formulieren konnte (1844): “Der Kommunismus ist naturalisierter Humanismus.”

Und das erwies sich als gar nicht so unsinnig – in den Fundamenten des erstarrten Humanismus und jedes Sozialismus kann man gemeinsame Steine erkennen: den grenzenlosen Materialismus, Freiheit von Religion und religiöser Verantwortlichkeit (im Kommunismus bis zur religiösen Diktatur getrieben). Konzentration auf die soziale Struktur und Betonung der wissenschaftlichen Aspekte der Sache (AufklĂ€rung des 18. Jahrhunderts und Marxismus). Nicht zufĂ€llig drehen sich alle Schwurformeln des Kommunismus um den Menschen, geschrieben mit einem großen “M”, und sein irdisches GlĂŒck. Was fĂŒr eine paradoxe GegenĂŒberstellung – gemeinsame ZĂŒge in der Weltanschauung und der Lebensordnung des gegenwĂ€rtigen Westens und des gegenwĂ€rtigen Ostens –, aber das ist die Logik der Entwicklung des Materialismus.

Dabei ist es in dieser Verwandtschaftsbeziehung in der Regel der Fall, daß sich als stĂ€rker, anziehungskrĂ€ftiger und siegreicher immer jene Richtung des Materialismus erweist,  welche linker, und das bedeutet, konsequenter ist. Und der Humanismus, der zur GĂ€nze das christliche Erbe abgelegt hat, ist nicht geeignet, in diesem Wettstreit zu bestehen. Das hat sich etwa im Laufe der vergangenen Jahrhunderte und besonders der letzten Jahrzehnte gezeigt, als sich die Situation im KrĂ€fteverhĂ€ltnis der Welt zugespitzt hat: der Liberalismus machte unausweichlich dem Radikalismus Platz, jener wieder mußte dem Sozialismus weichen, und der Sozialismus konnte gegen den Kommunismus nicht bestehen. Eben deshalb konnte sich die kommunistische Ordnung so gut behaupten und im Osten festigen, weil er eifrig unterstĂŒtzt wurde im wahrsten Sinn des Wortes – von der Masse der westlichen Intelligenz (die sich mit ihm verwandt fĂŒhlte), die nicht seine Freveltaten bemerkte, und als es schon unmöglich war, diese zu ĂŒbersehen, diese – rechtfertigte. So ist es auch heute: bei uns im Osten hat der Kommunismus als Ideologie schon alles an Sympathie verloren, sie fiel auf Null und weiter unter Null, doch die westliche Intelligenz, die bis zu einem gewissen Grad sensibel auf ihn reagiert, bewahrt immer noch Sympathie – und das ist es, was den Westen vor die ungeheuer schwierige Aufgabe stellt, dem Osten Widerstand zu leisten.

Ich ziehe nicht den Fall einer universalen Kriegskatastrophe in Betracht und jene VerĂ€nderungen der Gesellschaft, die eine solche auslösen wĂŒrde. Solange wir tĂ€glich unter einer ruhigen Sonne aufwachen, haben wir auch das tĂ€gliche Leben zu fĂŒhren. Aber es gibt eine Katastrophe, die schon in betrĂ€chtlichem Umfang eingesetzt hat: das istdie Katastrophe des religionslosen Bewußtseins, autonom im Sinne des Humanismus.

Dieses Bewußtsein hat den Menschen zum Maß aller Dinge auf Erden bestimmt – den unvollkommenen Menschen, der niemals frei von Eigenliebe sein kann, von Habsucht, Neid, Eitelkeit und Dutzenden anderer Laster. Und siehe da, die MĂ€ngel, die zu Beginn des Weges entsprechend eingeschĂ€tzt worden sind – jetzt nehmen sie Rache an sich selbst. Der Weg, den wir seit der Renaissance durchschritten haben, hat uns an Erfahrung bereichert, aber wir haben jenes Ganze, Höhere auf dem Weg gelassen, das irgendwann unseren Leidenschaften und unserer Freiheit von Verantwortung eine Grenze gesetzt hatte. Zuviel Hoffnung haben wir in die politisch-sozialen Umgestaltungen gesetzt – und es zeigte sich, daß diese uns des Allerkostbarsten berauben, das wir besitzen: unseres Innenlebens. Im Osten wird es vom Parteimarkt mit FĂŒĂŸen getreten, im Westen vom Wirtschaftsmarkt. Und das ist das Übel: nicht so sehr die Tatsache, daß die Welt gespalten ist, muß erschrecken, sondern daß sich die Krankheitsbilder hier und dort gleichen.

Wenn es tatsĂ€chlich wahr wĂ€re, daß – wie der Humanismus propagiert hat – der Mensch nur fĂŒr das GlĂŒck geboren wĂ€re, so wĂ€re er nicht auch geboren fĂŒr den Tod. Aber eben aus der Tatsache, daß er körperlich dem Tod bestimmt ist, ergibt sich seine Aufgabe hier auf Erden als eine geistige: nicht die Jagd nach AlltĂ€glichem, nicht die Suche nach optimalen Mitteln zur Erlangung von GĂŒtern, um diese dann fröhlich durchzubringen, sondern das Tragen einer nicht ablegbaren, schweren Schuldigkeit, so daß der ganze Lebensweg in erster Linie zu einem Streben nach moralischer Erhebung wird: den Lebensweg als ein Wesen höheren Grades zu verlassen, als man ihn angetreten hat. Wir kommen nicht umhin, die Skala der Werte zu ĂŒberprĂŒfen, die unter den Menschen als solche gelten, und uns ĂŒber ihre FehleinschĂ€tzung heute zu wundern. Es darf nicht möglich sein, daß die TĂ€tigkeit eines StaatsprĂ€sidenten danach beurteilt wird, wieviel jeder von uns verdient, und ob es Benzin unbegrenzt zu kaufen gibt. Nur die freiwillige Erziehung des Menschen zu klarer SelbstbeschrĂ€nkung erhebt die Menschen ĂŒber den Materialfluß der Welt.

Vor einer Wende

Sich heute etwa an die verknöcherten Formen der AufklĂ€rung zu klammern, bedeutet RĂŒckschrittlichkeit. Denn diese soziale Dogmatik lĂ€ĂŸt uns hilflos in den PrĂŒfungen unseres Jahrhunderts.

Wenn uns kein Untergang durch Krieg droht, so wird unser Leben keinesfalls so bleiben dĂŒrfen, wenn es nicht an sich selbst zugrunde gehen will. Wir werden um eine ÜberprĂŒfung der fundamentalen Definitionen des menschlichen Lebens und der menschlichen Gesellschaft nicht herumkommen. Steht der Mensch wirklich ĂŒber allem, oder gibt es nicht vielleicht doch ĂŒber ihm einen höheren Geist? Ist es wahr, daß das Leben des Menschen und die AktivitĂ€t der Gesellschaft von vornherein auf materielle Ausweitung festgelegt sein mĂŒssen? Ist es annehmbar, dieser Ausweitung unser gesamtes Innenleben zu opfern?

Wenn die Welt jetzt vielleicht noch nicht vor dem Untergang steht, so doch zumindest vor einer Wende der Geschichte, die in nichts an Bedeutung der Wende des Mittelalters zur Renaissance nachsteht – und diese Wende wird von uns ein Aufleuchten des Geistes erfordern, einen Aufbruch zu einer neuen Höhe des Überblicks, auf ein neues Lebensniveau, auf dem zwar nicht, wie im Mittelalter, die physische Natur des Menschen der Verdammung ĂŒberlassen sein wird, auf dem aber um so weniger, wie in der neuesten Zeit, unser geistiges Leben zertreten wird.

Der Aufbruch wird einem Aufstieg auf die nĂ€chste anthropologische Stufe gleichkommen. Und niemand auf der Welt hat einen Ausweg als den – nach oben.

 

Ins Deutsche ĂŒbertragen von Elisabeth Heresch

Hervorhebungen: José Ramón Trigo

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