Mögliche Ursachen der gegenwärtigen Lage

 

1. KĂĽnstler und Wissenschaftler sind Entdecker

 

Die Mode der Gier nach scheinbar Neuartigem, die das 20. Jahrhundert und den Beginn des 21. Jahrhunderts charakterisiert hat, wäre sie im Vergleich zur vorherigen Epoche zu verstehen als ein einfacher, durch Langeweile bedingter Wandel der Geschmäcker und als bloße pendelartige Gegenbewegung zur ästhetischen Verknöcherung des akademischen Betriebs im 19. Jahrhundert?

Ganz gewiss hat der mit seiner Verschlossenheit und Unbeweglichkeit die Kunst erstickt. Wirkliche KĂĽnstler verspĂĽrten einen unmittelbaren Drang nach frischer Luft, nach dem Ă–ffnen von TĂĽren und Fenstern hin zur Natur, um auf diese Weise die Kunst mit neuen Funden zu bereichern. Im gleichen MaĂź, in dem die Wissenschaftler ohne Unterlass das komplizierte und mysteriöse Innenleben der Natur aufdeckten, öffneten die “Impressionisten”, gleichsam einem Instinkt folgend, ihre Augen —und mit ihnen ihre Intelligenz und Sensibilität— so weit sie konnten… Im Gegensatz zur Borniertheit des akademischen Betriebs sahen sie auf das offene und unermessliche Feld der Natur. Sowohl die Männer der Wissenschaft als auch die KĂĽnstler “stimmten sich ein” auf die unergrĂĽndlichen und stillen Lehrstunden, die das nahe gelegene oder ferne Universum erteilt. Die Einen wie die Anderen haben dabei wiederholt vom Trank der Weisen gekostet. “Die Stille ist der erste Stein fĂĽr den Tempel der Weisheit. Höre, so wirst du weise; der Anfang der Weisheit ist die Stille.” (Pythagoras)

Die neue Haltung der “Impressionisten” gegenĂĽber der akademischen Starrheit brachte notwendigerweise Veränderungen in die Kunst, vor allem aber kĂĽnstlerische Entdeckungen, Meisterwerke einer unvergänglichen Kunst (beziehungsweise und weil es das Gleiche meint, einer unvergänglich neuen Kunst). Nie haben sie vergessen, dass die Suche nach der kĂĽnstlerischen Schönheit die Hauptsache fĂĽr den KĂĽnstler darstellt. Die äuĂźeren Wandlungen, “ad extra” (im Hinblick auf das kulturelle Umfeld), sind nicht per se Wege der Kunst, viel eher sind es die inneren Wandlungen, , “ad intra”, das heiĂźt das Fortschreiten des KĂĽnstlers im Rahmen seines eigenen Stils hin zur Vollendung. Nahezu am Beginn des Textes Meine Malerei, der sich auf dieser Webpage befindet, gibt es ein Zitat von Gustave Thibon, der meint, „ …es gibt unendlich weniger Neuartigkeit in den schnellen Kapriolen der Mode als in der langwierigen und fortdauernden, auf die Vollkommenheit ausgerichteten Anstrengung, wie sie dem wahrhaftigen Stil eigen ist.” 1

Bedauerlicherweise bewerten heutzutage viele Menschen Kunstwerke —seien es Bilder oder Skulpturen— nach den äußeren Wandlungen (den Wandlungen “ad extra“), die sie bewirken, und weniger nach der inneren künstlerischen Substanz, die sie enthalten. Der anfängliche Impuls, den die Impressionisten in Richtung eines unvermeidlichen Wandels gaben, ist zu einem beschleunigten Niedergang auf dem Abhang dieses Wandels geworden; das oft zäh und mühsam Errungene des Unvergänglichen zählt wenig, wir begnügen uns mit den Überraschungen des Wandels.

 

2. Haltungen, die sich der Natur widersetzen

 

Und was ist von jener Ă–ffnung hin zur Fakultät der Natur geblieben, in der KĂĽnstler und Wissenschaftler aller Zeiten geschult wurden? Ein Jeder mag sich sein Urteil bilden… jedoch herrscht derzeit eher ein Abwenden vor, eine Flucht vor dem NatĂĽrlichen. Manche meinen, eine Kunst ohne erkennbaren Bezug zur Natur könnte kreativer oder innovativer sein – nun denn, voran! Wenn dieser Weg der richtige und gangbare ist… In den Texten Meine Malerei und Zeitlose Malerei und “zeitgenössische Kunst”, die sich auf www.jrtrigo.es finden, werden diese Haltungen innerhalb der Bekundungen der Gier nach scheinbar Neuartigem verhandelt, von denen manche solchen ähneln, die es auch in vergangenen historischen Epochen der Dekadenz gegeben hat… Aber warum geschieht dies? Gibt es einen tieferen Grund, der diese Abwendung rechtfertigen wĂĽrde, könnten wir nachfragen. Womöglich geschieht das, wie es das Sprichwort aufgreift: “Wer nicht handelt, wie er denkt, wird schlieĂźlich denken, wie er handelt.” Die Entfernung von der natĂĽrlichen Ordnung der Dinge hat in diesem Zeitalter nicht wenige KĂĽnstler zur Respektlosigkeit, zu einer Konfrontation voller Arroganz und Missachtung gegenĂĽber der Natur gefĂĽhrt, bis hin zur völligen Ablehnung. Welch ein drastischer Kontrast zur fast ehrfĂĽrchtigen, bewundernden und liebevollen Annäherung an die Natur, wie sie all jenen KĂĽnstlern eigen war, die die herausragendsten Werke, die wir kennen, geschaffen haben, die gezeigt haben, dass der menschliche Geist zuweilen zum Feinsten und Ăśbermenschlichsten vordringen kann! Erstaunlich ist hierbei die radikale Wandlung, die Picasso vollzogen hat, jener, der in seiner ersten Phase Bilder von groĂźer Menschlichkeit geschaffen hat und der dann, im Verlauf der Jahre, offenbar verbitterte und in seinen Arbeiten jene Elemente entwickelte, die ich hier angesprochen habe: eine manchmal arrogante, missachtende und von Entstellungen volle Näherung an die Natur, die an Menschenverachtung grenzt.

 

3. Die natĂĽrliche Ordnung und ihre Ablehnung

 

Bei der Näherung an das Schöne lässt unsere Kultur eine Verzerrung erkennen: sie verharrt oft bei einer vergänglichen und scheinbaren Schönheit und ist unfähig, auf etwas Transzendentes zu verweisen. Es ist der Sieg eines Ästhetizismus´, der bildnerische Gestaltungen losgelöst oder am Rande von Wahrem und Gutem sucht, wobei die Schönheit sein Glanz, seine Ausstrahlung sein könntw; die Wahrheit, das Gute und die Schönheit bilden eine Dreieinigkeit, die wir nicht trennen sollten: in der Philosophie werden sie die Transzendentalen des Seins genannt.  Wenn die Ikone uns auf eine Schönheit, eine Wahrheit, ein Gutes verweist, die die Materialität dieser künstlerischen Arbeit transzendieren, so sind die künstlerischen Angebote unseres Zeitalters eher Idole, die auf nichts verweisen. Das Mittel hat den Zweck ersetzt.

Einige einfache Beispiele mögen zum Verständnis beitragen: Eine Person lebt an einem angenehmen Ort, der ihr sehr gefällt; dennoch hat sie gelernt, die Schönheit eines menschlichen Gesichts mehr zu schätzen: von der unbelebten Schönheit zur Schönheit des Menschen, dem Gipfel der materiellen Schöpfung. Auf diese Weise kann das faltige Gesicht einer alten Frau ihre GĂĽte nahebringen… Diejenigen, die diese Schönheit nicht erfassen können, fĂĽhlen sich vielleicht bestrickt vom Erotismus, Spiegel ihrer Leidenschaften und Ausdruck der Unmittelbarkeit der Wahrnehmung, der dem Verhalten irrationaler Menschen so verwandt ist.

In unseren Zeiten trifft man häufig auf eine Kritik, die nur die gestalterischen Aspekte eines Kunstwerks preist und ĂĽber seinen Inhalt völlig hinweggeht; anders gesagt, sie bezieht sich ausschlieĂźlich auf das Formale in seiner offenkundigen Erscheinung. Wenn diejenigen, die auf diese Weise ĂĽber Kunst urteilen, Recht hätten, wäre es egal, ob man die Bilder in ihrer korrekten Position zeigt, auf eine Seite gedreht oder verkehrt herum (den oberen Teil des Bildes nach unten, den unteren nach oben gerichtet), denn die Kunst reduziert sich —dieser These zufolge— darauf, Farben und Linien zueinander in Beziehung zu setzen… Es stimmt wohl, dass der Anblick mancher abstrakter Arbeiten nicht den geringsten Schaden nehmen wĂĽrde durch eine solche Veränderung der Position. Aber im Fall figurativer Bilder wĂĽrde eine derartige Veränderung das Erkennen der abgebildeten Figuren praktisch unmöglich machen, und nur wenn die formalen Lösungen mit Bezug zum dargestellten Thema oder Inhalt betrachtet werden, kann man das Gelingen oder Nicht-Gelingen des bildnerischen Ausdrucks bewerten und wird der Betrachter sich die symbolische Effizienz —blendendes Wunder wie im Fall der Meisterwerke!— solcher Farben, Helligkeiten, Schatten, Linien oder EindrĂĽcke bewusst machen.

400 Jahre nach dem Tod von El Greco ergriff der Schriftsteller Juan Manuel de Prada die Gelegenheit, in der Zeitung “ABC” einen Artikel aus diesem Anlass zu veröffentlichen (28.01.2014). Als man ihn in einem Radiointerview über die grundlegenden Züge seines Artikels befragte, sagte er: “Unsere Kultur löst alles auf und entleert es seiner Bedeutung.” Er bezog sich dabei auf den Umstand, dass man uns die Kunst von El Greco präsentiert als bloßes Ergebnis der Arbeit eines Humanisten, der nach Berühmtheit und Einzigartigkeit strebte, und dabei seinen theologischen Sinn umgeht, seine gottbezogene Auffassung vom Leben und von allem, was existiert.

Man sagt, unsere Kultur sei rationalistisch. Sie ist dies freilich nur in dem Sinn, als sie dem Geistigen, den spirituellen Werten und ĂĽbernatĂĽrlichen Realitäten verschlossen ist. Viel eher ist es eine gefĂĽhlige, wenig rationale Kultur. Sie wird nicht im Gefolge der Wahrhaftigkeit geschaffen, der Verstand hat wenig Gewicht im Verhalten unserer Zeitgenossen, die Logik ĂĽberzeugt sie nicht, noch inspiriert sie sie zum Handeln; leicht lassen wir uns vom GefĂĽhligen, vom schlichten Oberflächlichen und Sinnlichen manipulieren… Und viele der ästhetischen Geschmäcker unserer Zeit beweisen das.

Mit Nietzsche kam im Westen auf unverblümte Weise eine Mentalität auf, die die Selbstlosigkeit verachtet und das eigene und augenblickliche Wollen vergöttert. Jetzt finden wir uns wieder, versunken in einer “Ideologie des Willens”; unsere Kultur verehrt abgöttisch den subjektiven Willen des Indiduums, als sei er ein endlos dehnbares Stück Plastilin, das sicht nicht kümmern muss um die Realität. Diese wird nicht mehr anerkannt, und so wird alles zu Subjektivismus und Relativismus. Wenn mir etwas zusagt, erkenne ich seine Existenz an, wenn nicht, negiere ich sie. Es kommt zur Verwirrung von Wünschen und Rechten, und in der Folge werden auch die grenzenlos. Man pocht auf vermeintliche Rechte, aber nur in seltenen Fällen erwähnt man Pflichten oder Verantwortlichkeiten… Es war der Neurologe und Psychiater Viktor Frankl, der sagte, Nordamerika sei ohne Gleichgewicht: an der Ostküste habe man eine Statue der Freiheit errichtet; es sollte an der Westküste eine Statue der Verantwortung geben.

“Eine Gesellschaft befindet sich im Niedergang, sei er endgültig oder vorübergehend, wenn der Gemeinsinn nur noch wenig gemein geworden ist.” (Gilbert Keith Chesterton)

Wenn die Menschen die Lehren verwerfen, die die Natur anbietet und dabei eine dem menschlichen Wesen zugängliche Ordnung vorgibt, die natürliche Ordnung, deren konkrete Ausformung das Naturrecht ist, wenn die sogenannte “Rechtsordnung” der Staaten sich nicht gründet auf dem Anerkennen dieses Naturrechts, sind die Rechte der Schwächsten bedroht. So ist es geschehen in vergangenen Jahrhunderten, während die großzügigen Gesetze der Sklaverei in Kraft waren… denn die Gesetzgebung der Staaten passt sich leicht den egoistischen Interessen der Stärksten an. Auf diese Weise wird das Ziel erreicht, von dem Nietzsche träumte, als er eine Welt beschrieb, bevölkert und beherrscht von Übermenschen, die ihren Willen zur Macht den Niedrigen, den Mittelmäßigen und Durchschnittlichen aufgenötigt haben 6. Ein übler Geruch nach Nationalsozialismus (einer Ideologie, die getragen wird von Nietzsches These vom Übermenschen) durchzieht die Welt… Ist das am Ende ein planetarisches Austreten jenes Gases, das die Nazis in ihren Gaskammern werwendeten?

“Wenn nämlich die Hand des Künstlers die Richtschnur der Bearbeitung wäre, könnte der Künstler das Holz nie anders als richtig bearbeiten; wenn aber die Richtigkeit der Bearbeitung von einer anderen Regel stammt, kann die Bearbeitung richtig und nicht-richtig sein.” 7 Der Mensch erfindet nicht das moralische Regelwerk, er entdeckt es… So wie es die Wissenschaftler und Künstler taten ―wir haben eingangs davon gehandelt―, die sich aufmerksam “einstimmten” auf die unergründlichen und stillen Lehrstunden, die das nahe gelegene oder ferne Universum erteilt. Die Einen wie die Anderen haben dabei wiederholt vom Trank der Weisen gekostet.

 

4. Die Liebhaber der Weisheit

 

Ist es nicht erstaunlich, dass in Frankreich, der Heimat von Descartes und des modernen Rationalismus, der “Impressionismus” entstanden ist, eine Kunstströmung, die dem Aufrufen der Natur zugeneigt ist, verstanden als sinnliche Wahrnehmung und fern von den kompositorischen Kanons mit rationalem Charakter? Selbst ein Mitglied dieser Gruppierung, Cezanne –auch wenn er zur Abgrenzung als “Postimpressionist” bezeichnet wird–, hat die ausschweifende Auflösung der Formen und die Lust, den Augenblick zu verewigen, wie sie dem “Impressionismus” eigen sind, zu korrigieren versucht, indem er festhielt: “Ich möchte aus dem Impressionismus etwas Solides und Dauerhaftes machen wie die Kunst in den Museen, (…) alle Welt steht kopf wegen der Impressionisten, was die Kunst braucht, ist ein Poussin, ausgeführt mit größerer Nähe zur Natur.” Die Geschichte der letzten Jahrhunderte hat uns gezeigt, dass das große Dilemma nicht Vernunft (diskursive Vernunft, Logik) oder Sensibilität-Gefühl ist, sondern vielmehr: Respekt, Erstaunen, Entdecken der natürlichen Ordnung, ein philosophischer “Realismus” (dies ist in Wahrheit die natürliche Haltung des rationalen und klugen Menschen ) oder, im Gegensatz dazu, der “Immanentismus” oder extreme Rationalismus (eine widernatürliche Position des Menschen, der nach seinem Verstand die gesamte Realität gestalten will). Die Kunst der “impressionistischen” Maler war nicht irrational, sie entstand aus dem Staunen über das Wunderbare der Natur und strömte über vor Freude über das Glück dieser Entdeckung: die Essenz der Weisheit! (von der im zweiten Absatz dieses Textes die Rede ist), womöglich das genaue Gegenteil von allen rationalistischen und düsteren Interpretationen, die der Mensch im 20. Jahrhundert hinterlassen hat. “Der Weise versucht, seinen Kopf in Richtung Himmel zu strecken; der Rationalist bemüht sich, den Himmel in seinen Kopf zu bekommen”(Gilbert Keith Chesterton).

In der griechischen Antike koexistierten die “Sophisten” (die sogenannten “Weisen”) und die “Philosophen” (die sich lediglich erlaubten, sich “Liebhaber der Weisheit” zu nennen). Unter den Zweitgenannten befanden sich einige der hervorragendsten Denker, die Griechenland und die Welt insgesamt und nicht nur in dieser Zeit, sondern für alle Zeiten, hatten. Die Ersteren waren Skeptiker, Relativisten, die sich brüsteten, mit ihrer rhetorischen und dialektischen Beschlagenheit jemanden sowohl von der einen Sache als auch von deren Gegenteil zu überzeugen, sie suchten Ruhm und Gewinn. Die Zweiten hielten sich nicht in vollem Umfang für Besitzer der Wahrheit, strebten aber mit all ihren Kräften nach ihr. Sokrates, einer aus dieser Gruppe, erklärte, seine Aufgabe bestehe darin, sie zu entdecken, zu helfen, auf dass die Wahrheit im Bewusstsein der Menschen ans Licht komme; ganz so, wie die Hebamme einem Kind auf die Welt hilft, ohne es aufzuziehen. Die Ersten sind in gewisser Weise Vorläufer jener modernen “Künstler”, die in ihrer Arbeit ihrem immanenten Formalismus folgen, der vielleicht Dekoratives hervorbringt, der aber nicht auf etwas Tieferes, auf die Wahrheit, auf das Gute und das Schöne verweist, in hohem Maße unerreichbar für sie; oder sie suchen das Überraschende, gern mit effekthaschenden Mitteln bis hin zu lauten und nichtkünstlerischen Mitteln. Ihre Kunst ähnelt vielleicht gemalten Verzierungen auf einer Innenwand, die nicht über ihr direktes Umfeld hinausreichen und wenig oder nichts über das Mysterium sagen, in dem der Mensch versunken ist, das ihn umgibt und übersteigt. Eine transzendente Kunst dagegen gemahnt an das Gebaren der “Liebhaber der Weisheit” oder “Philosophen”; sie ist wie ein offenes Fenster zur großen geheimnisvollen und tiefgründigen Wirklichkeit, die den Menschen herausfordert. “Philosophen” und wahre Künstler, verbrüdert in der beschwerlichen Suche nach dem Likör der Weisheit! “Der Philosoph und der Dichter haben gemein, dass sich beide dem Wunderbaren stellen müssen”, dem, was Bewunderung weckt (Thomas von Aquin: Kommentar zur Metaphysik des Aristoteles, 1/3).

Im Verlauf der Jahrhunderte haben sich die Liebhaber der Weisheit (eingeschlossen die “impressionistischen” Maler) der Natur mit Respekt, ja Liebe genähert. Ihre Haltung ließe sich so zusammenfassen: Lassen wir uns angesichts dieser Herrlichkeit in ein Staunen versetzen! Der Dichter Antonio Machado sagte es auf diese Weise: “Deine Wahrheit? Nein, die Wahrheit; und begleite mich dabei, sie zu suchen. Behalte deine für dich.” 8  Im 20. Jahrhundert kommen Haltungen von anderem Zuschnitt auf: “Das hier ist Kunst, weil ich es dafür erkläre, denn ich bin Künstler!” Was man übersetzen könnte: Zeig´dich überrascht von dem, was ich mache, denn ich bin Künstler! Diese Haltung erinnert an die griechischen “Sophisten”, diese Skeptiker, die sich selbst genügten, sie war die Rechtfertigung für so viel Beliebigkeit und Verschrobenheit.

 

5. Dekorative Kunst, Unterhaltungskunst, Kunst ohne Transzendenz

 

Jetzt, in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts, können wir resĂĽmierend festhalten, dass die westliche Zivilisation sich von sich selbst und von dem Geist, der sie erblĂĽhen lieĂź, entfernt hat; viele unserer Zeitgenossen zeigen sich ermĂĽdet, ja gelangweilt von der Erkenntnis der natĂĽrlichen Ordnung und ―in noch größerem AusmaĂź, denn diese zweite siedelt in der ersten― der ĂĽbernatĂĽrlichen Ordnung. Was fĂĽr eine Kunst kann man unter solchen Umständen erwarten? Wir sehen sie vor uns: Keinerlei Transzendenz, alles beschränkt sich auf den reinen Augenblick, auf den ersten Eindruck, der zu erzeugen ist; dieser Wunsch nach dem Erzeugen eines Eindrucks, nach dem Wecken der Aufmerksamkeit, wird ―in vielen Fällen― mit Hilfe von irrationalen Mitteln, mit Hilfe von Extravaganz, sogar mit unverschämter und ganz und gar unkĂĽnstlerischer Provokation in die Tat umgesetzt. Wie aber könnte man den zeitgenössischen Menschen von seiner ErmĂĽdung angesichts der Mysterien der Wirklichkeit, die ihn offenbar nicht mehr interessiert, befreien? Man sucht Neuigkeiten, die ihn aus seiner Unlust erwecken und ihn ĂĽberraschen könnten, aber man vermeidet es, ihn ĂĽber zeitlose Themen oder Angelegenheiten nachdenken zu lassen, man wendet in der Kunst der Natur den RĂĽcken zu…

Das erste Buch, das Mario Vargas Llosa nach dem Erhalt des Nobelpreises für Literatur publiziert hat, ist ein Essay mit dem Titel La civilzación del espectáculo (Die Zivilisation des Spektakels). Der Autor selbst sagt darin: “Die Kultur verfolgt heute, auch wenn sie das nicht explizit so sagt, Ziele wie das Vergnügen, die Unterhaltung. Traditionell jedoch handelte sie davon, auf die großen Fragen Antworten zu suchen: Was tun wir hier? Haben wir eine Bestimmung oder nicht? Sind wir wirklich frei oder doch eher Wesen, die von Kräften gelenkt werden, die wir nicht kontrollieren? Diese gesamte Problematik, auf die die Kultur Antworten gab, ist praktisch ausgemerzt worden, sie ist verschwunden.” 9

In der Tat vermeidet man in der zeitgenössischen Kunst das Tiefgründige, das Komplexe, all das, was das wahre menschliche Wesen in Frage stellt und zu Antworten zwingt, stattdessen finden rein dekorative Objekte Verbreitung, die allzu oft ―das allerdings― den modernen architektonischen Produkten bestens entsprechen.

Verweilen wir noch bei einem weiteren Zeugnis, das sich auf einen anderen historischen Kontext bezieht. Aus Anlass des 250. Todestages von J. S. Bach wurde der Gründer des Ensembles Musica Antiqua Köln, Reinhard Goebel, befragt und gab zur Antwort:

— “Bach ist seinem Wesen nach ein Romantiker [im Sinn eines Mannes mit Idealen, nicht als Konformist, Pragmatiker oder Opportunist], weil er sich immer abseits der Moden hielt.”

— “Ich bin davon überzeugt, dass Bach vor allem für sich selbst komponiert hat. Der Beweis ist sein Musikalisches Opfer. Ich meine, zu seiner Zeit wäre niemand in der Lage gewesen, rtiges zu schreiben. Ich stelle ihn mir vdie da sagt: ,Wenn man mich versteht, ist es gut, und wenn nicht, ist mir das auch egal.` Dach vor der Gesellschaft. Das macht es so bedeutend, und, aus zeitgenössischer Sicht, derart transzendent.”

— “In der Musik geht es sehr schnell, dass man vom Erfolg ins Vergessen gerät. Johann Sebastian Bach, ein verehrter Mann zu seiner Zeit, geriet schlagartig in den Limbus zugunsten seiner Kinder, bis ihn Mendelssohn dann wieder zurückholte zu seiner endgültigen Berühmtheit.”

— “Womöglich widerfuhr Bach in der Musik das Gleiche wie Rembrandt in der Malerei, dass er als schwieriger Künstler abgelehnt wurde. Das erklärt die Reaktionen, die es nach seinem Tod gab.”

— Wie erklären Sie den Umstand, dass die Kinder den Vater an Ruhm übertrafen?

—“Die Kinder waren berühmt für etwas, das wir, decorative Kunst´nennen könnten, fast schon Unterhaltungsmusik. Es war erfolgreich, aber nicht allzu transzendent.” 10 

6. Zeitgenössischer Nihilismus

 

Die Ablehnung der Natur verbĂĽndet sich mit der Ablehnung der Tradition, denn: es ist einfacher, Neues vorzutäuschen, in dem man sich vom erworbenen Kulturgut abwendet, als darauf zu bauen (bauen in die Höhe, gen Gipfel klettern, ist mĂĽhselig; dagegen an Höhe abbauen, absinken, kann sogar sehr schnell gehen). So stößt man bald an die Grenzen der Kunst zur Nicht-Kunst… Und wenn man auĂźerdem den Schein des Neuen als kĂĽnstlerische Qualität missversteht, wird man das, was verarmt, fĂĽr Fortschritt halten. Die zeitgenössische nihilistische Kultur, die alles als bedrohlich ansieht, scheint eine Widerspiegelung, ein Spiegelbild zu finden in vielen “kĂĽnstlerischen” Werken, die negieren, statt zu bejahen. Eine naheliegende Folge könnte sein: man bewertet mit acht Punkten die kĂĽnstlerische Qualität eines dieser “negierenden” oder nihilistischen Werke —man denke, zum Beispiel, an jene Mark Rothkos— im Vergleich dazu mĂĽsste dann der kĂĽnstlerische Wert von Bildern wie die Gefangennahme Christi von Anthonis van Dyck, die Grablegung Christi [Nr. 440] von Tizian oder die Taufe Christi von El Greco —alle drei im Besitz des Museo del Prado—, nicht nur mit zehn, sondern zehn Millionen, gar zehn Milliarden Punkten bewertet werden. Die Kunst ist der Sieg der Ordnung ĂĽber das Chaos. Genau hier liegt der Unterschied: Jene drei Gemälde aus dem Museo del Prado sind Beispiele der höheren Ordnung, die die Kunst darstellt; am anderen Ende befinden sich die nihilistischen oder “negationistischen”: sie sind näher am Chaos oder gar näher am Nichts als in der Nähe einer Ordnung… Die Ă„hnlichkeit mit dem neuen Gewand des nackten Kaisers aus der Geschichte von Hans Christian Andersen sollten wir nicht unbeachtet lassen.

 

7. Schlussfolgerung

 

Die moderne und die sogenannte zeitgenössische Kunst sind von einer Gier nach dem scheinbar Neuen gekennzeichnet. Auch wenn man der Gerechtigkeit halber zugestehen muss, dass es in dieser Zeit bedeutende künstlerische Errungenschaften gegeben hat (die kubistischen Stillleben beispielsweise werden zu den schönsten aller Zeiten gezählt), sind die negativen Folgen eines falschen Verständnisses davon, was die Kunst ist, heute in offenkundigerer Form wahrnehmbar als noch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Eine der ersten dieser Folgen: Die Suche nach scheinbaren Neuerungen, um den Betrachter ständig zu überraschen, hat zu einem Abdriften ―wenn nicht Degenerieren― hin zu Extravaganzen, nicht-künstlerischen Provokationen, wesentlich verarmenden Brüchen mit der Tradition geführt ―zur wirklichen Dekonstruktion des europäischen und universalen kulturellen Erbes― und, mitgerissen von dieser Gier nach Wandlungen und Brüchen, haben wir die Grenzen dessen, was unterhalb der Kunst liegt, nach oben verschoben. Eine zweite Folge: Diese ausschließliche Wertschätzung des scheinbar Neuen, das in manchen Fällen durchaus eine gewisse Schönheit aufweist, die allerdings abgetrennt ist vom Wahren und Schönen – wie das in der modernen und zeitgenössischen Kunst stattgefunden hat (dieses Suchen nach neuen Formen um ihrer selbst willen, auch wenn sie keinerlei Bedeutung haben, auch wenn sie nichts über das Mysterium der Wirklichkeit und des Menschlichen aussagen), all das hat in der Malerei zur Verwirrung beigetragen ―die heute allenthalben anzutreffen ist―, etwas als Kunstwerk! zu bezeichnen, das allenfalls ein dekoratives Objekt ist. Das Heilmittel besteht darin, nicht so sehr einer vergänglichen Schönheit nachzujagen, sondern eine Schönheit mit Bestand zu suchen, eine, die Glanz hat, die das  Wahre und das Schöne ausstrahlt, die sich hineinbegibt in das Mysterium der Wirklichkeit und uns auf etwas Transzendentales verweist.

“Bei Bach ist alles durchdacht und mit der Perfektion eines Uhrwerks gebaut.” 11 In der Tat ist die Musik von Johann Sebastian Bach ein gutes Mittel gegen diesen modernen und zeitgenössischen Formalismus, der sich auf den Schein beschränkt. Die klangliche Materialität der Bachschen Musik (sie tritt in seiner Vokalmusik stärker hervor) ist wie ein wohlgeformter Körper aufgebaut, der einer Seele Ausdruck verleiht, der Bedeutung des Textes. Diese Unterwerfung vor der Textbedeutung (dem Inhalt beziehungsweise Thema des Werkes) bildet die Wahrheit und die letzte Begründung der künstlerischen Schönheit in ihrem ganzen formalen Glanz, den unsere Sinne aufnehmen können.

Was fĂĽr ein Zeitalter ist dieses, in dem man das Offenkundige nachweisen muss!

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1  Gustave Thibon, L´équilibre et l´harmonie [Das Gleichgewicht und die Harmonie]

6  Friedrich Nietzsche, Der Antichrist

7  Thomas von Aquin, Summa theologiae I – 63

8  Antonio Machado, Sprichwörter und Gesänge LXXXV

9  Laura Revuelta, “Hoy no se escribe para la eternidad” [“Heute schreibt man nicht für die Ewigkeit.”] (Gespräch mit Mario Vargas LLosa) In ABC cultural, 31.04.2012

10 Luis G. Iberni, Gespräch mit Reinhard Goebel. In: El Cultural, 26.07.2000

11 Alexandro Delgado, A propĂłsito da mĂşsica [In Sachen Musik], Sendung Antena 2 RTP

 

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